SMART Üben!

Wie kann ich mich selbst beim Üben Motivieren und effizient vorankommen?

Der Kopf sollte der Entscheidungsträger sein. Dieser entscheidet, dass jetzt geübt wird, dieses Stück oder Abschnitt geübt wird, und welches Ziel dabei erreicht werden sollte.

Zur Erinnerung, ob ein Ziel gut zu realisieren ist, kann der SMART-Test durchgeführt werden.

Gute Ziele sind SMART, was bedeutet das?

S wie Spezifisch: das Ziel muss klar definiert werden.

Beispiele:

-Fingersätze finden für die erste Seite des Stückes.

– ein durchgängiges Vibrato erreichen für diese Phrase.

-einmal durchspielen, auch wenn ich dabei Fehler mache.

M wie Messbar : so gut es geht quantifizierbar, und ihr müsst wissen, ob und wann ihr dieses Ziel erreicht habt. Ganz wichtig, denn ihr wollt euch auch loben oder belohnen, wenn das Ziel erreicht ist.

A wie Attraktiv: motivierend für mich, also positiv und mir gegenüber liebevoll formuliert! Beim Üben seid ihr euer eigener Trainer! Also seid ein guter Trainer und nicht ein Tyrann mit euch selbst.

R wie Realistisch: also lieber das große Ziel (diese Sonate auswendig spielen in 5 Wochen) herunterbrechen und auf heute machbare Schritte zerkleinern.

T wie Terminbezogen:  ich empfehle euch, eine Mischung aus Terminen und Zeitspannen zu benutzen. Entscheidet vorher, wie lange ihr an einer bestimmten Passage üben wollt, und hört dann auch auf, wenn die Zeit um ist. Bitte vertraut darauf, dass reglemäßiges Üben Früchte trägt und dass nicht alles heute erreicht werden muss, auch wenn ihr unter Termindruck steht.

Lasst uns schauen, was das in der Praxis bedeuten könnte.

also statt: 1) Ich will dieses Stück perfekt spielen!

lieber: 2) Ich arbeite 25 Minuten an  dieser Passage, um die Intonation zu verbessern.

Lasst uns kurz die psychologische Wirkung beider Aussagen untersuchen:

bei 1) sind viele Gefahren vorhanden: das Wort  „perfekt “ setzt mich SOFORT unter Druck. Zum einen gibt es keine Perfektion, auch kein perfektes Spiel, und wenn, sicherlich nicht innerhalb eines Übetages. Zum anderen kann ich das Ziel sehr schwer begreifen. Wann hätte ich es denn erreicht? Woran könnte ich erkennen, dass es perfekt geworden ist? Wenn ich alle Töne schnell und sauber hinkriege? Wenn der Lehrer mich lobt? Wenn ich eine 1 bei der Prüfung bekomme? Wenn der erste Plattenvertrag  in der Post liegt? Natürlich möchten wir so nah wie möglich an unser klangliches Ideal herankommen, aber dieses Ideal kann nur vom Herz erfühlt werden und nicht vom Kopf  definiert werden.

Zum anderen ist das Ziel so weit in der Zukunft, dass es mich jetzt gerade schnell demotivieren könnte. Ich muss dann sehr viel Disziplin und Durchhaltevermögen aufbringen, damit ich Wochen lang am Ball bleibe und mein Ziel nicht aus den Augen verliere.

Und noch eine Anmerkung: mit dem Wort „will“ oder „wollen“ ist auch schnell eine Verkrampfung im Geist erreicht. Es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen entscheiden,was ich tun werde, und, es unbedingt wollen. Manche Menschen werden regelrecht von Ihrem Willen blockiert.

Überlegt also scharf, ob ihr zu viel oder zu wenig wollt. Positiver ist meistens, sich etwas zu wünschen, und dann das Nötige tun, damit es entstehen kann.

Wenn ihr einen Kuchen backt, mischt ihr alle Zutaten nach Rezept oder Inspiration, aber ihr macht nicht jede Minute die Ofentür auf und prüft, ob der Kuchen auch gelingt.

Ihr habt das Nötige getan und vertraut auf die Wirkung.

Dasselbe gilt für das Bratsche-Üben!

Dagegen verspricht mir  Aussage 2) einen baldiges Erfolgsgefühl! In 25 Minuten kann ich mein gesetzes Ziel erreicht haben.

Ich weiss auch ganz genau, wann die nächste Pause ist, nämlich in 25 Minuten.

Ich habe eine klare Aufgabe vor mir, da ich mir einen einzigen Parameter herausgesucht habe, und laufe nicht Gefahr, mich zu verzetteln.

Natürlich könnt ihr euch auf mehrere Parameter konzentrieren, besonders wenn der Zustand des Stückes schon fortgeschritten ist.

Und ich bin motiviert, weil ich realistische Chancen habe, mit mir bald zufrieden zu sein!

Zusammenfassung: Wie ihr seht, ist das Formulieren eines Übeziels eine wichtige Komponente des Übens, und ihr könnt euch damit sehr gut motivieren.

Und noch ein Wort über die Abwechslung verschiedener Übeziele. Hilfreich ist es, meistens zu wechseln zwischen einer analytischen Arbeitsweise, also  nach dem Prinzip „eins nach dem anderen“, und einer ganzheitlicher Arbeitsweise („Das grosse Ganze wieder spüren“).

Bei „eins nach dem anderen“ meine ich: jetzt die Saitenwechsel, jetzt das Vibrato, jetzt die Lagenwechsel usw.

Bei „das grosse Ganze “ meine ich: übe ich in die Richtung meiner Vorstellung? Wo geht die Phrase hin? Wie ist mein Klang? Und  meine emotionale Beteiligung? Und wie fühlt sich mein Körper an? Dass sind sehr wichtige Fragen, die euch immer daran erinnern, woran ihr seid, und wohin ihr wollt. Sonst besteht die Gefahr des sinnlosen Übens!

Viel Spaß beim Ausprobieren von SMART-Ziele!

Darüber hinaus empfehle ich, mit der Pomodoro-Methode die Zeiteinheiten zu erfassen. Aber darüber schreibe ich in meinem nächsten Artikel.

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